Ansteckend wie ein Buch

Ansteckend wie ein Buch

Du öffnest ein Buch und es öffnet dich. . Es öffnet für die Gedanken eines anderen, für das Vertraute ebenso für das  Neue oder Fremde. Es ist weiterhin vielleicht der wichtigste Zugang zur Welt, wenn diese aus welchen Gründen auch immer, auch guten Gründen, verschlossen bleibt. Schüler haben diesen Spruch des Schriftstellers Tschingis Aitmatow neben anderen Aphorismen auf die deutsch-polnischen BücherboXX gesprüht. Grenzen sind dicht, Reisen sind verboten, mehr als zwei Personen dürfen sich nicht mehr treffen. aber auch der Zugang zu Stadtbüchereien und Bibliotheken bleibt in Zeiten der Corona-Krise verschlossen. Zum Glück gibt es noch das häusliche Bücherrega und die Buchhandlung bleibt sowieso  für Neuerscheinungen geöffnet.

Gar nicht mehr so neu oder fremd ist die Nutzung einer freien, öffentlich zugänglichen Straßenbibliothek (BücherboXX).  Sie ist wie ein „Laden“ ohne Verkäufer, Geld und Öffnungszeiten, kein Späti, sondern ein Steti mit einer Portion McReiz. Nichts zu verkaufen, kam mir in den Sinn.  Es geht immer nur eine Person hinein, wie früher beim gelben Telefonhäuschen, man stöbert, nimmt ein oder zwei Bücher, und man freut sich über den zufallsbedingten Lesestoff für zu Hause, Ansteckend ist allenfalls das Lesen eines weiteren Buches und selbst Bücher auf diesem Weg zu verschenken.

Schließlich ist die BücherboXX ein von Auszubildenden umgebautes Telefonhäuschen. Mehrere Berufsschulen, Ausbildungsbetriebe und andere Bildungsinstitutionen waren mit verschiedenen Gewerken beteiligt, wie z. B. Holzverarbeitung, Metall, Gestaltung und Design, Farbtechnik, Elektro- und Solartechnik. Im Fall der deutsch-polnischen BücherboXX , die zur Zeit in Poznań steht, waren sogar Berufsschüler aus Berlin und Polen beteiligt. 

In diesem berufspädagogischen Projekt werden handwerkliche Fähigkeiten mit einem Bewusstsein für eine soziale,  ökologische, ökonomische, kulturelle und ökonomische Nachhaltigkeit verbunden. Ist die BücherboXX dann für die Nutzung erst einmal im Stadtteil aufgestellt, geht diese Erkenntnis rasch ins allgemeine Bewusstsein über. Die Deutsche UNESCO-Kommission hat dieses Projekt mehrfach als gutes Beispiel einer „Bildung für Nachhaltige Entwicklung“ ausgezeichnet. Es beginnt mit der Idee der Um-Nutzung und reicht bis zur dezentralen Energieversorgung  einer LED-Beleuchtung und  Akustik-Box.

 In Berlin gibt es ca. 20 BücherboXXen nach diesem Konzept, der Effekt der Nachahmung ist groß. Viele wollten auch eine bei sich im Kiez, kauften ein Telefonhäuschen bei der Telecom, bauten ein Regal rein und fertig war ihre Straßenbibliothek. Bundesweit gibt es alles in Allem etwa  3000 offene Bücherregale, in der Eck-Kneipe, in Hotels und eben auch auf der Straße.  Welche Dinge des täglichen Bedarfs lassen sich schon auf so einfache Weise teilen, tauschen, verschenken, bedingungslos, ohne Gegengeschenk. Mit Zugang für alle.

Leere Regale gibt es nur selten und wenn, dann werden sie von aufmerksamen Nutzern oder Kümmerern aufgefüllt und gehamstert wird in der Regel auch nicht. Eher schon das Gegenteil, wenn jemand  meint, kistenweise Bücher leicht „entsorgen“ zu können.

Eine Chance zum Innehalten und Nachbarschaften neu zu erfahren . Zivilgesellschaftliche Verantwortung, Abgeben, Achtsamkeit, Abstandhalten und Anstand sind Eigenschaften, die schon seit Jahren mit der BücherboXX verbunden und gleichsam „eingeübt“ werden,  als der  Ellbogen noch zum Ego gehörte und nicht Teil der Begrüßung  war.

In Zeiten der Corona-Krise ist das Mitmenschliche  gefragt, ja lebensnotwendig und muss  sogar verordnet werden.

Es reicht ja, wenn ich zu zweit zum Einkaufen die Wohnung verlasse und an der BücherboXX vorbeikomme, ein Buch finde und auf dem Heimweg ins Grübeln komme, wem  mag  es gehört haben?

In einem Falle war es so: da finde ich Victor Hugos „Notre Dame“ mit einer Bucheigner-Grafik „Ex-libris Margit Cohn Herrfurthstraße 28“. Also mache ich mich auf die Suche. Sie war die Tochter eines jüdischen Buchhändlers am Spittelmarkt und erlebte als 10jährige die Reichsprogromnacht, das Leben im Versteck und die Ausreise ihres Vaters nach Shanghai. Nach dem Krieg heiratete sie und hieß sodann  Margit Siebener, ezählte ihr bewegtes Leben als Zeitzeugin  und las aus ihrem Buch „Es gab auch gute Menschen“. Anlässlich einer Vortragsreise brachten wir die Geschichte  von Margit Siebner und der  „BücherboXX Gleis 17“ mit dem Ex-libris ins Goethe-Institut nach Tel Aviv. Ein aufmerksamer „Schüler“, der sein C1-Level  verbessert wollte, hörte uns zu.. Es war Professor Gabriel Kaufmann, dessen Großeltern am 30. 6. 1942 vom Bahnhof Grunewald nach Theresienstadt deportiert und später in Auschwitz ermordet wurden. Aus dem Kreislauf der Bücher, folgt ein Kreislauf persönlicher Geschichten.

Wenn alles geschlossen ist, was dann? kein Zugang mehr zu Schulen, zu Theater und Konzerten, zu Fußballstadien, zu Spielplätzen und Arbeitsplätzen, zu Geschäften, Restaurants, kein Zugang mehr zu Flugzeugen und Fernreisen, die Welt und das Fremde durch eigene Anschauung zu erfahren, selbst die nahegelegenen Ost- oder Nordseeinseln sind gesperrt. Dann öffnest du halt ein Buch.

Alles, immer, sofort. Das war die Devise einer spaß- und konsumorientierten Gesellschaft und Einstellung ganz vieler Menschen. Immer höher, weiter, schneller war die aus dem Sport abgeleitete Maxime, die zur Beschleunigung und schließlich zur Digitalisierung aller Lebensbereiche führte. Die Wirtschaft zielte auf immer „MEHR“, mehr Wachstum, mehr Konsum, mehr Geld, mehr Gewinn, mehr Plastik, mehr Umweltverschmutzung. Sie brachte die Welt in eine Krise, die Klima-Krise, die wiederum Schüler freitags zu Protesten veranlasste. Denn sie wussten aus dem Physikunterricht: Mehr desselben führt zum Kollaps oder in die Katastrophe. Mehr desselben in kürzester Zeit sowieso. Das gilt für Regen, Autos, Alkohol, Essen, das Corona-Virus  und für Ansammlungen von Menschen. Also kommen wir zurück auf die Ausgangsfrage des amerikanischen Soziologen Alan Durning vor 25 Jahren: How much is enough? Das gilt nicht für den Satz von Willy Brand „Mehr Demokratie wagen“ und für das „Mehr Lesen von Büchern“, denn es öffnet und schafft den Zugang  für das Fremde und die Befähigung zur Vorbeugung und damit Krisen erst gar nicht entstehen zu lassen.

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